Influencer-Marketing in der Landwirtschaft klingt erstmal simpel: Creator finden, Produkt schicken, Beitrag posten, fertig. In der Praxis ist es deutlich komplexer – und die Fehlerquote entsprechend hoch. Gerade weil Landwirte als Zielgruppe besonders kritisch, fachlich versiert und untereinander gut vernetzt sind, verzeihen sie wenig. Ein einzelner Fauxpas kann sich in der Community schnell herumsprechen. Diese sechs Fehler sehen wir in der Praxis besonders häufig – und sie lassen sich alle vermeiden.
1. Influencer ohne Recherche anfragen
Der wohl häufigste und zugleich peinlichste Fehler: Unternehmen schreiben Creator an, ohne sich vorher wirklich mit deren Inhalten, Werten und dem Betriebstyp auseinanderzusetzen. Eine Anfrage für eine Kooperation mit dem dicksten Schlepper aus der Flotte an einen Familienbetrieb mit Sonderkulturanbau zu schicken, wirkt schlichtweg unprofessionell.
Die meisten etablierten Agrar-Creator haben ein klares Werteverständnis und lehnen unpassende Kooperationen konsequent ab. Im besten Fall bleibt die Anfrage folgenlos. Im schlechtesten Fall macht der Creator sich öffentlich mit seiner Community darüber lustig.
Die Lösung ist simpel, aber unbequem: Zeit investieren, bevor man anfragt. Schauen Sie sich mehrere Beiträge an, lesen Sie die Kommentare, verstehen Sie, wofür der Account steht.
Wie Sie passende Influencer finden, lesen Sie in diesem Artikel.
2. Reine Reichweiten-Fixierung statt echter Zielgruppen-Match
Viele Unternehmen entscheiden sich für Influencer-Kooperationen anhand einer einzigen Kennzahl: der Followerzahl. Das ist nachvollziehbar – Reichweite lässt sich leicht vergleichen und in Reportings auch noch hübsch darstellen. Nur sagt sie wenig darüber aus, ob die Follower tatsächlich zur eigenen Zielgruppe gehören.
Ein Creator mit 80.000 Followern, der in erster Linie Öffentlichkeitsarbeit für die Landwirtschaft betreibt, bringt für ein B2B-Produkt im Agrarsektor wenig direkten Nutzen. Ein Account mit 6.000 Followern, die größtenteils selbst landwirtschaftliche Betriebe führen, kann deutlich wertvoller sein.
Wer ausschließlich auf Reichweite optimiert, verschwendet häufig Budget auf Aufmerksamkeit, die sich nicht in Anfragen, Vertrauen oder Verkäufen niederschlägt.
Reichweite ist ein Faktor unter vielen – nicht der einzige.
3. Zu starre Briefings – kein Raum für die Stimme des Creators
Ein dritter klassischer Fehler entsteht oft aus gut gemeinter Kontrollabsicht: Unternehmen liefern Briefings, die bis ins Detail vorschreiben, was gesagt werden soll, in welcher Wortwahl und mit welchem Tonfall.
Das Problem dabei: Genau das, was den jeweiligen Influencer für seine Community glaubwürdig macht, geht dabei verloren. Landwirte folgen Creator-Accounts gerade wegen ihrer authentischen, unverstellten Art zu kommunizieren. Wird daraus ein steifes Werbevideo mit auswendig gelerntem Text, merkt das die Zielgruppe sofort – und die Wirkung kehrt sich ins Gegenteil.
Ein gutes Briefing definiert die wichtigsten Botschaften, Fakten und rechtlichen Rahmenbedingungen, lässt dem Creator aber Raum, diese in seiner eigenen Sprache und seinem gewohnten Format umzusetzen.
Wer hier zu eng führt, bekommt zwar Kontrolle – verliert aber genau die Authentizität, für die man die Kooperation überhaupt eingegangen ist.
Aber wie schreibt man eigentlich ein richtig gutes Briefing? Mehr dazu hier.
4. Kennzeichnungspflicht & Transparenz vernachlässigt
Werbung muss als solche erkennbar sein – das gilt online genauso wie offline, und es gilt auch im Agribusiness. Trotzdem wird die Kennzeichnungspflicht bei Kooperationen immer wieder vernachlässigt oder nur halbherzig umgesetzt: ein versteckter Hashtag am Ende einer langen Caption, eine unklare Formulierung, die offenlässt, ob es sich um eine bezahlte Zusammenarbeit handelt oder nicht.
Das ist nicht nur ein rechtliches Risiko, das im Zweifel zu Abmahnungen führen kann. Es schadet auch der Glaubwürdigkeit – sowohl der des Creators als auch der des Unternehmens. Egal, welche Zielgruppe – verschleierte Werbung kommt immer schlecht an. Klären Sie die korrekte Kennzeichnung daher von Anfang an verbindlich im Vertrag, statt sie dem Zufall oder der Erfahrung des Creators zu überlassen.
5. Einmal-Kooperation statt langfristiger Partnerschaft
Viele Unternehmen denken in einzelnen Kampagnen: ein Beitrag, eine Story, ein Reel – und dann ist die Zusammenarbeit beendet. Das mag kurzfristig günstiger wirken, bringt aber selten nachhaltige Ergebnisse. Eine einmalige Erwähnung wirkt für die Community oft wie ein klassischer Werbedeal, dem wenig Vertrauen geschenkt wird.
Taucht ein Creator dagegen über Monate oder sogar Jahre immer wieder glaubwürdig mit einem Produkt auf, entsteht ein ganz anderer Eindruck: Hier wird tatsächlich genutzt, nicht nur beworben. Langfristige Partnerschaften erlauben außerdem, dass der Creator das Produkt wirklich im Betriebsalltag kennenlernt und entsprechend authentischer darüber sprechen kann.
Aus Unternehmenssicht lohnt sich daher häufiger der Blick auf weniger, aber dafür länger laufende Kooperationen – statt viele kurze Einzelaktionen mit unterschiedlichen Creator-Accounts.
6. Erfolg nicht messen – oder an den falschen Kennzahlen
Der letzte und oft unterschätzte Fehler: Nach Ende der Kooperation wird nicht ausgewertet, was sie tatsächlich gebracht hat – oder es werden die falschen Kennzahlen herangezogen. Likes und Reichweite lassen sich zwar leicht erfassen, sagen aber wenig darüber aus, ob die Kampagne Wirkung in der eigentlichen Zielgruppe entfaltet hat. Aussagekräftiger sind Kennzahlen wie die Anzahl qualifizierter Leads, Klicks auf einen Link, Anfragen über einen Rabattcode oder direktes Feedback von Vertriebsmitarbeitern, ob das Thema bei Kunden auf Messen oder im persönlichen Gespräch aufkam.
Ohne saubere Erfolgsmessung bleibt jede Influencer-Kooperation ein Bauchgefühl – und es lässt sich kaum belegen, ob sich die Investition gelohnt hat oder ob ein anderer Creator oder ein anderes erfolgreicher gewesen wäre. Definieren Sie deshalb vor Start der Kooperation klare, relevante KPIs, statt erst hinterher nach passenden Zahlen zu suchen.
Diese sechs Fehler haben einen gemeinsamen Nenner: Sie entstehen meist nicht aus böser Absicht, sondern aus zu wenig Vorbereitung und zu viel Kontrollbedürfnis.
Wer sich vorab Zeit für Recherche, ein durchdachtes Briefing, rechtliche Sorgfalt und eine klare Erfolgsmessung nimmt, vermeidet die größten Stolperfallen – und hat deutlich bessere Chancen, dass aus einer einzelnen Kooperation eine langfristig wirksame Partnerschaft wird.